Wenn Eltern nicht mehr weiterkommen: Was Coaching für Jugendliche mit ADHS bewirken kann
Gastbeitrag von Sina Morger, Mindcompass · 11. Okt. 2026
Wenn jeder Abend gleich endet
Es ist sieben Uhr abends. Die Mathematik-Aufgaben liegen seit einer Stunde auf dem Tisch, angefangen hat Ihr Kind noch nicht. Sie erinnern, ermuntern, werden lauter. Am Ende fliessen Tränen, manchmal auf beiden Seiten.
Viele Eltern von Jugendlichen mit ADHS kennen solche Abende. Sie haben gelesen, Tipps ausprobiert, Pläne aufgehängt. Und trotzdem drehen sich die Gespräche im Kreis. Das heisst nicht, dass Sie etwas falsch machen. Manchmal braucht es einfach eine zusätzliche Person.
Eltern müssen nicht alles allein tragen
Jugendliche wollen selbstständig werden. Ratschläge von Mama oder Papa fühlen sich in diesem Alter schnell wie Kontrolle an, auch wenn sie liebevoll gemeint sind. Dazu kommen oft Jahre voller Diskussionen, Enttäuschungen und gegenseitiger Erwartungen.
Eine Coach steht ausserhalb dieser Geschichte. Sie hat keine Erwartungen an Noten und keinen Streit vom letzten Wochenende im Hinterkopf. Viele Jugendliche können sich deshalb leichter öffnen und sprechen über Gefühle, Ängste und Selbstzweifel, die sie zu Hause lieber für sich behalten.
Für Eltern ist das eine Entlastung. Sie dürfen wieder mehr Mutter oder Vater sein und weniger Lernbegleitung, Organisatorin und Mahner in einer Person.
Was im Coaching passiert
Im Coaching geht es nicht darum, einen jungen Menschen «passend» zu machen. Wir schauen gemeinsam, was hinter den Schwierigkeiten steckt und was wirklich hilft. Ich arbeite dabei integral, also ganzheitlich: Körper, Gedanken, Gefühle und das Umfeld gehören alle dazu.
Typische Themen sind:
- ADHS und die eigenen Reaktionen besser verstehen
- Leichter mit Aufgaben anfangen und dranbleiben
- Lernen und Alltag so organisieren, dass es zur eigenen Persönlichkeit passt
- Mit starken Gefühlen, Stress und Überforderung umgehen
- Stärken und Interessen entdecken und bewusst einsetzen
Die Ziele legen wir zusammen fest. Eine Standardlösung gibt es nicht, denn jeder junge Mensch ist anders.
Ein Beispiel aus der Praxis
Vor einiger Zeit meldete sich eine Mutter bei mir. Ihr Sohn war fast 14 und hatte in der Schule belastende Erfahrungen gemacht: Hoher Leistungsdruck hatte Spuren hinterlassen, die er nie ganz verarbeiten konnte. Wegen häufiger Migräneanfälle fehlte er oft im Unterricht. Inzwischen war er tiefer eingestuft worden und konnte sein Potenzial kaum noch zeigen.
Im Coaching ging es zuerst darum, wieder Vertrauen aufzubauen, in sich selbst und in das eigene Können. Gemeinsam haben wir Strategien erarbeitet, wie er besser für Prüfungen lernen, sein Selbstbewusstsein stärken und Stress reduzieren kann.
«Die einfühlsame und lösungsorientierte Begleitung hat meinem 14-jährigen Sohn mit ADHS und häufigen Migräneanfällen sehr geholfen. Sina erarbeitete zusammen mit meinem Sohn Strategien, um besser für Prüfungen lernen zu können, sein Selbstbewusstsein zu stärken sowie Stress zu reduzieren. Dadurch sind die Migräneanfälle weniger geworden. Vielen Dank für die wertvolle Unterstützung und die vielen hilfreichen Tipps!»
Heute hat er kaum noch Migräneanfälle, und die Familie ist mit dem Coaching sehr zufrieden.
Das Beispiel zeigt gut, wie eng ADHS, Stress und körperliches Befinden zusammenhängen können. Deshalb schaue ich im Coaching immer auf den ganzen Menschen.
Die Rolle der Eltern und was Coaching nicht ist
Ob und wie Eltern einbezogen werden, hängt vom Alter und vom Anliegen ab. Oft sind sie beim Einstieg dabei oder kommen punktuell dazu. Eltern dürfen sich auch gerne zuerst allein melden, wenn sie unsicher sind.
Für ein Coaching braucht es keine Diagnose. Auch bei einem Verdacht auf ADHS kann es sinnvoll sein. Wichtig ist mir aber: Coaching ersetzt keine medizinische oder psychologische Abklärung und keine Therapie. Es kann eine Behandlung ergänzen und im Alltag konkret unterstützen.
Warum mir diese Arbeit am Herzen liegt
Als Kind wünschte ich mir oft, einfach «normal» zu sein. Manchmal fühlte ich mich wie ein Pinguin in der Wüste: Ich nahm vieles intensiver wahr und spürte Stimmungen um mich herum sehr stark. Heute weiss ich, dass in dieser Andersartigkeit auch Stärken liegen, etwa Ideenvielfalt, Einfühlungsvermögen und Hyperfokus.
Genau das möchte ich jungen Menschen mitgeben: Sie sind nicht falsch. Mit Verständnis und passenden Strategien finden sie ihren eigenen Weg. Und Sie als Eltern müssen diesen Weg nicht allein ebnen.
